Per Gericht gegen Hospize in der Nachbarschaft – das Sterben verdrängen

Klagen gegen den Bau von Spielplätzen, Kindergärten und Altenheimen – das ist man schon gewohnt. Aber nun sol­len in Hamburg, Hagen und Arnsberg auch Hospize und Sterbehäuser auf recht­li­chem Wege ver­hin­dert wer­den. Das ist neu. Als Zeit online berich­tet hat, reih­ten sich bei face­book Kommentare wie „Elendige Brut“, „Es sind sozi­o­pa­thi­sche bzw. psy­cho­pa­thi­sche Verhaltensweisen“ und „Elende Brut ist noch … viel zu milde aus­ge­drückt“. Alle waren empört. Ich auch. Zunächst.

Hospize per Gerichtsbeschluss ins nach­bar­li­che Nirwana abschie­ben zu wol­len, das ist frag­los eine schlimme Entwicklung. Aber das Tun ein­zel­ner ist letzt­lich Symptom für ein gesell­schaft­li­ches Denken – oder, bes­ser gesagt, für ein gesell­schaft­li­ches Nichtdenken in Sachen Lebensende, ein Verdrängen. Dieses sollte man ins Kreuzfeuer neh­men – nicht ein­zelne Menschen.

Mir erscheint es so, dass die meis­ten Menschen heute nach wie vor ein Problem mit der Akzeptanz des Todes haben. Nur ein paar Beispiele. Sterben fin­det in Deutschland inzwi­schen zu 70 bis 80 Prozent in Krankenhäusern sowie Alten– und Pflegeheimen statt. Menschen neh­men hin­ter den Fassaden von Institutionen Abschied vom Leben, die breite Bevölkerung merkt und sieht nichts davon. Und so wie Sterben und Tod nur noch wenig sicht­bar sind, so haben sie auch als Thema für die Menschen einen gerin­gen Stellenwert. Einer Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2001 nach schei­nen 60 Prozent eine rea­li­täts­be­zo­gene Auseinandersetzung mit dem eige­nen Tod bezie­hungs­weise Sterben zu ver­drän­gen. 25 Prozent sagen expli­zit, dass sie sich dazu noch keine Gedanken gemacht haben.

Wir sind in Deutschland weit von einer Kultur und Akzeptanz des Sterbens ent­fernt, das macht für mich auch noch eine andere Entwicklung deut­lich. Dem neuen Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen nach, das im Mai 2013 erschie­nen ist, könnte eine tiefe Trauer von mehr als zwei Wochen, näm­lich als Depression ein­ge­ord­net wer­den. Was für eine Botschaft. Auseinandersetzung mit Tod und Sterben nicht erwünscht? Keine Zeit für Abschied in der Spaßgesellschaft, in der es immer etwas zu ver­pas­sen gibt? Nicht nach hin­ten und nach vorne schauen?

Ich habe den Standpunkt, dass man die­je­ni­gen, die gegen Hospizhäuser kla­gen, nicht allzu scharf ver­ur­tei­len darf. Weil das Problem tie­fer sitzt. Das heißt aber nicht, dass ich den Status quo als unab­än­der­lich ansehe. Er ist sehr ver­än­de­rungs­wert. Und das nicht nur für die Sterbenden, son­dern auch für die Lebenden. Diese kön­nen viel gewin­nen, wenn sie den Tod nicht län­ger wegdrängen.

Menschen mit Todeserfahrungen (sei es das Sterben eines nahe­ste­hen­den Menschen oder eigene Lebensgefahr) sehen Befragungen nach die Endlichkeit mit posi­ti­ve­rer Besetzung als andere. Für sie ist Tod ver­mehrt Erlösung, wäh­rend Menschen, die das Thema ver­drän­gen, eher Angst vor dem Tod haben. All dies weist in die Richtung, dass auch bei Tod und Sterben eine These aus der Vorurteilsforschung gilt: Angst rela­ti­viert sich oft, wenn man das angst­be­setzte Objekt näher kennenlernt.

Die Gerichtsverfahren in Hamburg, Hagen und Arnsberg sind Entscheidungen, ob man den Sterbenden in der Gesellschaft einen Ort gibt. Mittendrind. Damit ein Mittendrin funk­tio­niert, muss sich frei­lich auch das Denken der Menschen ver­än­dern. Doch das ist mög­lich. Das beste Beispiel bie­tet der­zeit die ehe­ma­lige MTV-Chefin Christiane zu Salm. Eigentlich berühmt für Glamour, beglei­tet sie heute Sterbende und teilt diese Erfahrung medial. Das Lebensende kann berühr­bar zu wer­den – auch von den­je­ni­gen, von denen man es eigent­lich nicht meint.